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[diese sammlung lag jetzt schon länger in meiner drafts-schleife, ich kam aber erst jetzt und damit relativ unaktuell dazu, sie endlich fertigzustellen.]

also, abschließende worte zum amoklauf und zur berichterstattung. nach der beschäftigung mit meiner bachelorarbeit killer spiele werte – zur komplexität einer verbotsdebatte und ihres spielgegenstandes hätte ich eigentlich die medienberichterstattung voller interesse verfolgen sollen, ließe sich doch so sehr leicht überprüfen, wie sich das gesellschaftliche bild von gewalthaltigen videospielen innerhalb von drei jahren geändert hat. relativ schnell war ich aber einfach nur gelangweilt und frustriert, denn wirklich viel schien sich nicht getan zu haben.

im vergleich zu den amokläufen in erfurt 2002 und emsdetten 2006 kam es mir persönlich so vor, als ob es nur  eine leichte veränderung in der debatte anschließend gab. wo bei z.b. emsdetten noch am gleichen bzw. gleich am nächsten tag der auslöser, sprich gewalthaltige videospiele, gefunden waren, hat es diesmal wenigstens länger gedauert. zudem schien es, dass schützenvereine insgesamt auffallender kritisiert wurden als damals. dies aber auch nur, weil bei emsdetten die tatwaffe über das internet bezogen wurde und nicht wie in diesem fall zu hause direkt verfügbar war, eben weil der vater mitglied im schützenverein ist.

wobei selbstverständlich killerspiele wieder genau so schlimm wie kinderpornographie sind.

den bislang besten text zu der enormen verzweiflung, die amokläufer im vorfeld einer tat spüren müssen, um diese letztendlich auch wirklich zu realisieren, und man sich eben somit natürlich nicht mit monokausalen erklärungsmustern selber beruhigen kann (killerspiele, gewaltvideos, etc.) habe ich in der taz gelesen: das grauen in der kleinen stadt.

Hinzu kommt schließlich die Verlogenheit eines kleinstädtischen Umfelds, das den jungen Männern gern eintrichtert: Es geht euch doch gut! Es ist doch schön hier! Ihr braucht euch keine Sorgen zu machen. Die Gefahr, der Dreck, das Chaos, die Aggression – das ist alles weit weg, dort in der großen Stadt New York, Paris oder Berlin. Aber, verdammt!, wenn es gerade das ist, was manche junge Männer brauchen: Gefahr, Dreck, Chaos und Aggression?

Mehrere Schul-Amokläufer äußerten sich vor ihrer auch autoaggressiven Tat im Internet so, dass sie die Verlogenheit ihres Umfeldes, ihrer scheinbar heilen Welt unglaublich aggressiv mache. Das ist ernst zu nehmen. Und wen packte nach zwei Wochen in einer bayerischen oder niedersächsischen Kleinstadt nicht insgeheim der Wunsch, einen Baseballschläger zu nehmen und auf dem Marktplatz den Stadtbrunnen zu zertrümmern oder die Auslage des Souvenirladens in eine Scherbenlandschaft zu verwandeln? Aber man tut es selbstverständlich trotzdem nicht. Die Schul-Amokläufe sind dagegen auch als irregeleitete Ausbruchversuche aus einem satten Idyll zu verstehen, das aggressiv macht. Es ist eine verlogene heile Welt, die sie verachten, zerstören wollen, ja ins Herz treffen möchten. Das gelingt mit solchen Schul-Amokläufen dann ja auch für eine Weile.

Sicherlich: Die deprimierende Kleinstadt, die Aggression von jungen Männern und der Frust sexueller Abweisung – all das hat es immer gegeben und wird es wohl immer geben. Heute allerdings wird das Ganze noch verstärkt durch eine immer intensivere Nutzung von Medien, die die Möglichkeiten der großen weiten Welt feiern, den Erfolg bei Frauen und im Beruf als etwas Leichtes, Müheloses, ja Notwendiges darstellen und eine Toleranz spiegeln, die man in seiner kleinen Stadt nie und nimmer findet. Diese Diskrepanz zwischen der verlockenden Welt in den Flachbildschirmen und der deprimierenden kleinen Welt von Littleton, Emsdetten oder Winnenden könnte kaum größer sein. Die Amokläufe fanden nicht dort statt, obwohl es Idyllen waren, sondern weil sie es waren.

ebenfalls in der taz erschienen ist ein lesenswertes interview mit roland seim, auch wenn er nicht sehr viel neues erzählt, wenn man sich schon früher mit dem thema auseinandergesetzt hat: der deutsche mag es gern geregelt.

so bleibt wohl  die gewißheit um weitere amokläufe, ohne um die gründe letztendlich bescheid zu wissen. dabei wird sich dieselbe debatte in den nächsten jahren und jahrzenten auch immer wieder genau so abspielen, denn egal wie sich die medienwirkungsforschung entwickeln wird, zwei grundsätzlich antagonistische positionen werden sich nicht überwinden lassen, sind sie doch insgesamt auch ausdruck einer politischen und sozialen befindlichkeit.

grundsätzliches problem war und ist:

Insgesamt gesehen zeichnet sich die Medien-und-Gewalt-Diskussion noch immer dadurch aus, dass zwei Fehlannahmen vorherrschen. Zum einen wird gern ein unzulässiger Schluss vom Inhalt der Gewaltdarstellungen auf deren Wirkung beim Zuschauer gezogen, zum anderen wird in der Öffentlichkeit
und insbesondere der Politik eine generelle Aussage zur Wirkung von Gewaltdarstellungen gefordert. Diese kann und wird es auf wissenschaftlich fundierter Basis nie geben, denn der Wirkzusammenhang‚ Rezipient-Medium‘ ist so komplex, dass sich wissenschaftlich haltbare Aussagen nur für einzelne
Populationen in genau umrissenen Situationen treffen lassen. (Michael Kunczik, zitiert nach Konrad Lischka: Spielplatz Computer, S. 123)

eine wiederholungsgefahr solcher taten bleibt auch vor allem aufgrund der posthumen (unabsichtlichen) glorifizierung durch medien wie die bild (unsägliche fotomontage), aber auch den spiegel (unsägliches titelbild).

manchmal reicht es auch schon, sich einmal ganz ruhig anzugucken, was heute in welcher form erlaubt und gesetzlich geregelt ist und in welchen bereichen man gerne weiterführend regulieren würde, bevor man sich als politiker zu unhaltbaren aussagen hinreißen lässt:

Ich dürfte also mit 14 Jahren anfangen, großkalibrige Waffen zu benutzen und dann als 21jähriger Sportschütze mit einem Kofferraum voller halbautomatischer Waffen und 0,4 Promille auf der Autobahn mit 320 km/h vom Schützenfest zum CSU-Parteitag fahren – aber Computerspiele sollen verboten werden? (quelle, mit links)

meine bachelorarbeit werde ich gleich hier verlinken. einen tag nach dem amoklauf von winnenden fertiggestellt, beschäftigt sie sich genau mit dem gegenstand der gewalthaltigen videospiele und der (medien)debatte über diese (allgemein sowie speziell nach winnenden). betrachtet man den in den medien geführten diskurs, lag ich mit meiner abschließenden forderung in der arbeit nicht so falsch. mit einer freundin habe ich darüber diskutiert, ob man nach 53 seiten im fazit einen banalen satz bezüglich videospiele so zentral stehen lassen kann:

Mögliche Gefahren sollten dabei selbstverständlich Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung sein, dies sollte aber unaufgeregt geschehen.

anscheinend sind wir noch weit davon entfernt, unaufgeregt über den gegenstand der gewalthaltigen computerspiele zu berichten, besonders wenn laufend neue “erkenntnisse” publiziert werden und eine eindeutigkeit in der berichterstattung gefordert wird, die so nicht zu haben ist.

bis dahin können wir uns ja mit dem neuen game-knaller close range vergnügen.

montag, den 26.1., war es dann also soweit: einer der helden meiner kindheit, oliver rohrbeck, besser bekannt als justus jonas, deutsche stimme von ben stiller und betreiber der lauscherlounge, war zu besuch bei uns an der uni im seminar “filmsynchronisation und übersetzungsprobleme”. thema war seine arbeit im speziellen und die synchronisationsbranche und ihre abläufe im allgemeinen. es wurden zwei wirklich sehr amüsante und interessante stunden, da er ein angenehmer und witziger redner ist, der seinen gesamtüberblick über die synchronisationsarbeit durch viele anekdoten und auch kritische betrachtungen aufzulockern wusste. kein wunder, ist er doch mit anfang 40 schon seit über 30 jahren im geschäft – angefangen hat er im alter von sieben jahren, seit er 27 ist arbeitet er zudem noch als synchronregisseur. im folgenden also meine notizen, leicht ausformuliert. allerdings setze ich hier schwerpunkte bei seinen ausführungen zur “behinderung” der eigentlichen arbeit durch raubkopierschutzmaßnahmen sowie allgemein interessante aspekte zu dem thema, den allgemeinen ablauf einer synchronisation, der den leitfaden für seinen vortrag bildete, lasse ich hier weitestgehend unerwähnt.

eröffnet wurde sein vortrag mit der anschaulichen problematik des zeitdrucks, mit dem die synchronbranche zu kämpfen hat (dies aber nicht als erklärungsversuch für schlechte synchronisationen, er ist sich der grenzen von übersetzung sehr wohl bewußt, vor allem aus seiner arbeit als synchronregisseur heraus – dabei verwies er auch auf den unterschied tv – kino; für tv-synchros ist einfach viel weniger zeit und geld vorhanden, so dass diese oftmals schlechter sind). aber nun der allgemeine zeitdruck: einem film geht oftmals jahrelange planung voraus (produzenten, verleiher etc.), die synchronfirmen erhielten den auftrag normalerweise erst 3-4 monate vor filmstart, heutzutage sogar noch knapper (ca. 1 monat vor kinostart) aufgrund der “raubkopier”-problematik, aber auch wegen des gleichzeitigen weltweiten starts von großen produktionen (ebenfalls wg. raubkopierern?).

über die maßnahmen, um raubkopiererei einzudämmen, äußerte er sich dann auch einige male sehr kritisch, da diese anscheinend die arbeit an sich behindern. früher lag den synchronfirmen der fertig geschnittene film für die synchronarbeit vor, heutzutage müssen sie mit ersten schnittfolgen oder einem rohschnitt arbeiten. wenn der film dann umgeschnitten wird, war die arbeit an somit entfallenen oder veränderten szenen also völlig umsonst. zudem ist die qualität dieser arbeitsmaterialien unglaublich schlecht. er hatte ein beispielexemplar dabei: der ton war so komprimiert, dass hintergrundgemurmel etc. gar nicht zu verstehen war; das bild so dunkel und pixelig, dass über gefühlsregungen der schauspieler auch nur spekuliert werden konnte.

die verrückteste anti-piracy-maßnahme beschrieb er allerdings für zeichentrickfilme, hier japanische animes. auf den ihnen zur verfügung stehenden videos waren nur die vergrößerten münder zu sehen, der rest war mit blenden abgedeckt. und als synchronregisseur, der kein japanisch kann, ist die einzige möglichkeit in so einem fall, über die entsprechenden gefühlsregungen der figur zu spekulieren. am ende, beim abgleich mit der vollständigen episode, sieht man erst dass der charakter traurig und nicht wütend oder fröhlich oder sonstwas ist und muss das take eben nochmal einsprechen.

eigene meinung: diese bescheuerten maßnahmen, die letztendlich die synchronarbeit nur zusätzlich erschweren und das endprodukt damit wahrscheinlich noch zusätzlich negativ beeinflußen, sollte man einfach aufgeben. denn irgendwie, meistens durch filmindustrie-insider, schaffen es die filme doch vor ihrem starttermin ins netz. mehr zeit für synchronarbeit unter besseren bedingungen und dvds, an denen der zahlende kunde keinen nachteil hat, wären geeignetere maßnahmen, raubkopiererei zu begrenzein. eindämmen läßt sie sich sowieso nicht.

zurück zum eigentlichen thema: interessant fand ich anekdoten wie z.b. dass filme, die für die degeto synchronisiert werden, immer grammatikalisch korrekt sein müssen. das hat zur folge, dass auch leute im ghetto nach einem “wegen” den genitiv benutzen müssen.

auf fsk-freigaben muss auch geachtet werden, allerdings nicht immer so wie man sich das vorstellt. bei “horton hört ein hu”, wo er als synchronregisseur (bin mir grad nicht mehr sicher) verantwortlich war, musste aus “whirlpool” “blubberbad” gemacht werden, weil er ab 0 freigegeben war.

mir unbekannt war auch, daß synchronisationen heutzutage oft zentral abgemischt werden, d.h. der französische, deutsche etc. synchronregisseur wird dann nach london eingeflogen, um wenigstens ein bißchen kontrolle über die endmischung zu haben. so käme es öfter vor, dass der mischer selber gar kein deutsch kann und die falschen sätze in den vordergrund stellt.

um nochmal den bezug zur linguistik herzustellen: dieses auseinanderreißen von prozeßen (rohübersetzung ohne film, synchronregisseur ohne anpassungsmöglichkeiten) führt in aller regel dazu, dass die anforderungen an synchronisation von thomas herbst so gut wie nie efüllt sind (thomas herbst ist so ziemlich der einzige linguist in deutschland, der sich ernsthaft mit filmsynchronisation auseinandersetzt).

in zusammenhang mit der synchronisation von filmen sind im wesentlichen zwei grundgedanken wichtig, die von weiten teilen der modernen übersetzungswissenschaft vertreten werden:

1. die bestimmung des wesens der übersetzung als kommunikatives übersetzen, was bedeutet, daß das gelingen einer übersetzung vor allem daran zu messen ist, ob beziehungsweise inwieweit der zielsprachliche text dieselbe funktion in hinblick auf sein zielpublikum erfüllt wie der ausgangssprachliche (soweit das bei der übersetzung überhaupt intendiert ist).

2. die überzeugung, daß die grundeinheit jeglichen übersetzens der text – und nicht das wort oder der satz – darstellt.

(thomas herbst 2003: müssen frühe vögel würmer fangen? in: schnitt. das filmmagazin, ausgabe 29. seite 24)

wie oliver rohrbeck ansprach, gibt es leider immer noch die aufteilung rohübersetzung (oftmals eben literarische und wörtliche übersetzung, deswegen gibt es z.b. oft die “schrift”-vergangenheit präterium in der gesprochenen sprache in filmen) und synchronregisseur, was an sich wohl ein unlösbares problem ist, da sie eben jeweils nur eine sache wirklich gut können. problematisch ist eben, dass es keine zusammenarbeit zwischen beiden gibt.

und der (an sich begrüßenswerte) “kontrollwahn” der studios, damit sich blödelsynchronisationen (siehe: die zwei, jeder asiatische film in dem 70ern und 80ern) nicht wiederholen, verhindert funktionales übersetzen nach herbst sowie erschwert die arbeit an einer übersetzung, die sich nicht wortgetreu, aber eben sinngetreu am text hält, noch zusätzlich. so müssen synchronstudios, nachdem sie eine übersetzung angefertigt haben, diese zurückübersetzen um anschließend lange gespräche mit den studios zu führen, wieso sie z.b. ein wort ausgetauscht oder einen satz leicht geändert haben. die erklärung, dass man das im deutschen so sagt und es der funktion des originals am nächsten kommt, wird dabei oft nicht verstanden.

soweit also gedanken hierzu. war jetzt leider doch relativ wenig über die eigenheiten von synchronisation an sich im vergleich zu anderen übersetzungen. ich werde bestimmt bald noch etwas zu spezifischen problemen der synchro schreiben, spätestens nach meinem bachelor. als abschluß schon mal ein beitrag von deutschlandradio kultur von letztem mittwoch, der synchronisation nicht unter linguistischen aspekten und weitaus kritischer vorstellt: das kino spricht deutsch. glanz und elend der synchronisation.

knaller der sendung, völlig aus dem kontext gerissen:

das bedeutet natürlich keineswegs, dass synchronisation in irgendeiner weise faschistisch ist

extrem interessant fand ich eine ausführung des filmwissenschaftlers joseph garncarz zur “dominanz des wortes” bei synchronisationen, meiner meinung nach auch etwas worunter deutsche film- und kinoproduktionen an sich kranken, also nicht nur synchronisationen; sehr viel worte und wenig bildkomposition.

wenn man amerikanische filme in der originalfassung im kino sieht, ist das beinahe so wie in der oper: ich habe mich gewundert, dass ich alles mögliche nicht verstehe und dachte, meine sprachkompetenz ist zu eingeschränkt. aber als ich die filme zusammen mit amerikanern gesehen habe, ging es denen nicht anders. das heisst in der amerikanischen synchronisation kommt es gar nicht darauf an, dass man immer alles versteht, was gesagt wird. die musik schiebt sich manchmal in den vordergrund und verunmöglicht die verständlichkeit der sprache. wenn man sich diese filme in der deutschen synchronisation ansieht, wird immer wert darauf gelegt, dass alles verständlich bleibt. die filme sind so gemischt, dass die musik leiser wird, wenn gesprochen wird. diese dominanz der sprache, das primat der verständlichkeit scheint besonders charakteristisch zu sein für die synchronisation amerikanischer filme in deutschland, und zwar bereits immer.

wegen des titels: es tut mir leid, ich konnte es mir nicht verkneifen … aber leider wieder keine sehr gute folge.